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Gastkommentar

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Wieso wird stets vereinfacht über den afrikanischen «Kulturraum» gesprochen? Vielleicht, weil es sich hierbei um «das Andere» handelt, das in grossen Teilen aus Projektionen besteht.
Tim Bunke, Michael Bürge und Mirco Göpfert

Wer Afrika einfach als das Andere sieht, findet Beweise für seine These überall: Ein Fan der Nationalmannschaft der Elfenbeinküste am diesjährigen African Cup of Nations. (Bild: Mike Hutchings / Keystone )

Die Welt ist komplex. Daher ist es völlig richtig und auch notwendig, wie David Signer argumentiert (NZZ 17. 10. 15), auf begründete Generalisierungen zurückzugreifen. Denken heisst verallgemeinern. Wir müssen uns und unsere Umwelt sortieren, kategorisieren und vereinfachen, sonst werden wir von der schieren Fülle von Einzelphänomenen erschlagen. Hierbei handelt es sich um einen Abstraktionsprozess, der vom Kleinen zum Grossen schreitet. Dieser kann allerdings nur stattfinden, wenn wir uns im Vorfeld über die Vielfältigkeit der Welt und die Spezifität des Kleinen im Klaren sind.

«Verallgemeinerungen», die den «afrikanischen Kulturraum» zum Gegenstand haben, sind heikel. Denn genaugenommen sind sie keine Verallgemeinerungen, da hier nicht vom Kleinen zum Grossen geschritten wird. Im Falle Afrikas ist das Grosse im Grunde alles, was wir haben. Mit der Kategorie des Westens verhält es sich anders. Sie wird gebildet auf der Grundlage des breiten Wissens ob der Komplexität Europas und Nordamerikas, das gespeist wird aus der vielfältigen medialen Präsenz. Unser Wissen über «den Westen» erstreckt sich nicht nur auf politische Grossereignisse wie den amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf, sondern auch auf Triviales wie das Liebesleben von Kim Kardashian.

Das in Europa verbreitete Wissen über Afrika ist leider immer noch äusserst bescheiden. Wer wüsste denn den Namen eines einzigen afrikanischen Präsidenten? Ein Grund für dieses Nichtwissen ist sicherlich die bedenklich niedrige Zahl an Afrika-Korrespondenten deutschsprachiger Medien. Oftmals ist ein einziger Korrespondent für das gesamte Afrika südlich der Sahara zuständig. Dieses Desinteresse ist bedauerlich. Denn es unterschlägt die enge Bindung zwischen Afrika und Europa. Damit tut es weder den heute bestehenden wirtschaftlichen und soziokulturellen Interdependenzen Genüge, noch würdigt es die zentrale Rolle der afrikanischen Kolonien bei der Industrialisierung und damit dem Wohlstand Europas. Dies wirft die Frage auf, warum die Komplexität Afrikas von so geringem Interesse ist. Wieso wird es bevorzugt, vereinfacht über den afrikanischen «Kulturraum» zu sprechen? Vielleicht, weil es sich hierbei um «das Andere» handelt, das in grossen Teilen aus selten hinterfragten Projektionen besteht.

Diese Wahrnehmung der Welt als ein Flickenteppich gegebener Kulturräume mag hinsichtlich des Denkens in nationalstaatlichen Kategorien klar umgrenzter Territorialeinheiten logisch sein. Hinsichtlich ihrer politischen Implikationen birgt diese Kulturraumlogik aber Gefahren, insbesondere in Bezug auf sogenannte nichtwestliche Kulturräume. Diese Sprechweise führt vor allem das koloniale Narrativ der Andersartigkeit Afrikas fort.

Eine weitverbreitete Mär ist die der niedrigen soziopolitischen Komplexität Afrikas. Damit erzählt der Sprecher die Geschichte eines notwendigerweise aus seiner Begrenztheit heraus unterentwickelten Kontinents einerseits und die des zu Recht überlegenen und hochentwickelten Europa andererseits.

Damit sagt der Sprecher zunächst einmal mehr über seine eigene Perspektive und Sprecherposition aus als über «Afrika». Vor allem aber ist dies eine problematische Art, über Afrika zu sprechen. Sie verfestigt bestehende Stereotype, öffnet einer rassistischen Politisierung Tür und Tor, verunmöglicht eine feinmaschigere Betrachtung und vergrössert damit den Graben zwischen Afrika und Europa.

Oftmals sind es solche Verallgemeinerungen, die unserem Denken im Weg stehen. Gerade in Zeiten zunehmender Migration nach Europa sollten wir uns der Konsequenzen solcher Denkmuster bewusst sein. Die Frage, die wir uns stellen sollten, ist, ob wir lieber über Andersartigkeit oder über unsere geteilte Lebenswirklichkeit sprechen wollen.

Tim Bunke, Michael Bürge und Mirco Göpfert sind Ethnologen an der Universität Konstanz.

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